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Queere Archäologie: Sich an das erinnern, was die Moderne vergessen hat

Die moderne Welt spricht mit großer Selbstgewissheit über Geschlecht. Sie sagt: Es gibt zwei. Sie sagt: Es ist natürlich. Sie sagt: Es ist universell. Während sie dies sagt, nimmt sie nicht nur eine Definition vor; sie konstruiert zugleich auch ein historisches Narrativ. Als sei Geschlecht im Laufe der gesamten Menschheitsgeschichte immer so verstanden worden und habe erst in der Moderne endlich seinen richtigen Namen erhalten.

Genau an diesem Punkt setzt die queere Archäologie an. Aber nicht, um eine „Korrektur“ vorzunehmen. Sondern um vielmehr die unbequeme Frage zu stellen:
Wann wurde dieses Wissen produziert? Von wem? Und auf wessen Kosten?

Dieser Text ist ein theoretischer Text; er stützt sich auf Queer Theory, die Archäologie des Wissens und die historische Soziologie. Doch er ist nicht mit akademischer Distanz geschrieben. Er spricht zugleich aus einer Auseinandersetzung heraus, die auf der Straße, in den sozialen Medien, in Gerichtssälen und auf Körpern geführt wird. Denn jeder Satz, der über Geschlecht als „natürlich“ gesprochen wird, berührt heute unmittelbar das Leben von irgendjemandem.

Sprache ist keine Zeugin, sondern eine Täterin

Für die queere Archäologie geht es nicht nur darum, „wer“ in der Vergangenheit existiert hat. Die eigentliche Frage ist, wer mit welchen Worten als existent anerkannt wurde. Denn Sprache ist nicht unschuldig. Etwas zu benennen bedeutet nicht nur, es zu beschreiben; es heißt, ihm zugleich ein gesellschaftliches Schicksal zuzuschreiben.

Heute sind Begriffe wie „trans“, „non-binary“, „LGBTQ+“ unverzichtbar. Die Sprache der Menschenrechte, internationaler Abkommen und politischer Kämpfe ist auf diesen Begriffen aufgebaut. Ohne sie können wir Gewalt nicht benennen, keine Rechte einfordern und nicht sichtbar werden.

Doch das Auftauchen dieser Begriffe bedeutet nicht, dass die Moderne das Geschlecht befreit hätte. Im Gegenteil: Diese Begriffe sind Produkte von Existenzweisen, die das moderne heteronormative Geschlechterregime zunächst ausgelöscht hat und die wir uns erst durch Kämpfe zurückholen mussten. Die Sprache der Menschenrechte ist kein großzügiges Geschenk an Trans*personen und LGBTQ+; sie ist die Rückforderung dessen, was historisch enteignet wurde.

Deshalb wirft die queere Archäologie moderne Begriffe nicht weg. Aber sie weigert sich auch, sie für universal und zeitlos zu erklären. Indem sie auf lokale, historische und vorkoloniale Begriffe blickt, erinnert sie an eines: Es gab andere Geschlechterregime – und sie wurden gelebt.

Mesopotamien: Eine Kosmologie ohne starre Geschlechtergrenzen

Das antike Mesopotamien ist keine Ausnahme innerhalb der modernen Geschlechterbinarität; es ist vielmehr ein Beweis dafür, wie neu diese historisch tatsächlich ist. In sumerischen und akkadischen Texten wird Geschlecht weniger als biologische Essenz verstanden denn als kosmische Position und rituelle Funktion.

Im Zentrum dieser Kosmologie steht Inanna – später Ischtar. Inanna ist nicht nur die Göttin der Fruchtbarkeit oder der Liebe. In den Texten ist ihre grundlegendste Macht die Fähigkeit, Geschlechter zu verwandeln. „Den Mann zur Frau, die Frau zum Mann zu machen“ wird als Teil ihrer göttlichen Macht beschrieben. Dieser Ausdruck ist nicht metaphorisch; er beruht auf der Annahme, dass Geschlecht veränderbar, durchlässig und transformierbar ist.

Die im Ischtar-Kult wirkenden Figuren assinnu, kurgarrû und kalû sind weder Mann noch Frau. Doch diese Uneindeutigkeit ist kein Mangel, sondern eine heilige Befähigung. Diese Personen klagen, tanzen, leiten Rituale und vermitteln zwischen dem Göttlichen und den Menschen. In modernen Begriffen gesprochen, nehmen diese Figuren Geschlechterpositionen ein, die als non-binary oder trans bezeichnet werden könnten. Noch wichtiger ist jedoch dies: Diese Geschlechter werden nicht nur akzeptiert; sie werden auf die Ebene der Göttin erhoben.

Diese historische Erinnerung ist im mesopotamischen Raum nicht vollständig ausgelöscht worden. Der im Kurdischen verwendete Begriff „neremo“ für intersexuelle und trans Personen ist eine Benennung, die unabhängig von modernen medizinischen oder juristischen Sprachen existiert. Neremo ist keine Diagnose, sondern ein Gegenstück zu körperlicher und geschlechtlicher Vielfalt im lokalen Wissen. Dieses Wort ist eine der sprachlichen Spuren dafür, dass geschlechtliche Vielfalt in dieser Region lange vor der Moderne denkbar und lebbar war.

Vom Heiligen zur Abweichung: Der Bruch der Moderne

Wohin sind diese Kosmologien verschwunden?

Die Moderne erscheint hier nicht als „Fortschritt“, sondern als Bruch. Die Entstehung des Nationalstaates, der Kolonialismus, das moderne Recht und die moderne Medizin mussten Geschlecht kontrollierbar, messbar und klassifizierbar machen. Dafür wurden:
das binäre Geschlechtersystem verhärtet,
die heterosexuelle Familie zur Norm erklärt,
der Körper medizinisiert,
geschlechtliche Vielfalt in den Bereich der Pathologie verdrängt.

Viele Existenzweisen, die zuvor heilig oder alltäglich waren, wurden in diesem Prozess neu als „anormal“, „Abweichung“ oder „Krankheit“ bezeichnet. Das Problem war nicht die Existenz der Geschlechter, sondern der Wandel des Wissens, das sie benannte.

Warum müssen wir uns erinnern?

Der heutige Kampf von Trans*personen und LGBTQ+ ist kein Nebenprodukt der Moderne. Im Gegenteil: Er ist die Rückkehr jener Geschichten, die die Moderne unterdrückt, zum Schweigen gebracht und auszulöschen versucht hat.

Deshalb bietet die queere Archäologie keinen nostalgischen Blick in die Vergangenheit. Sie gräbt in der Vergangenheit, um die Gegenwart zu verstehen. Sie erinnert an Folgendes:
Geschlecht ist nicht binär.
Dieses Wissen ist nicht neu.
Aber es wurde systematisch vergessen gemacht.

Dieser Text endet hier, doch die Frage endet nicht. Die Linie, die sich von Mesopotamien über Asien, von Afrika bis zu den indigenen Völkern Amerikas zieht, wartet darauf, im Zusammenspiel von Kolonialismus, modernem Recht und aktuellen Anti-Gender-Diskursen neu durchdacht zu werden. Dies ist keine einmalige Erzählung, sondern eine fortlaufende Gedächtnisarbeit.