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Queere Archäologie: Welten, in denen Geschlecht fließend ist

Das moderne Geschlechterregime lehrt uns Folgendes: Geschlecht ist individuell, an den Körper gebunden und unveränderlich. Deshalb werden trans und geschlechtervielfältige Existenzen in der modernen Welt meist als eine „Identitätsfrage“ behandelt. Blickt man jedoch auf vorkoloniale Gesellschaften, sieht man, dass Geschlecht weder so eng, noch so abgeschlossen, noch so vereinzelt gedacht wurde.

Dieser Text verfolgt die Spuren davon, wie Geschlecht in unterschiedlichen Regionen der Welt als fließend, relational und mit dem Heiligen verflochten konzipiert wurde; und warum trans und geschlechtervielfältige Personen häufig als Heilerinnen, Vermittlerinnen oder spirituelle Figuren positioniert waren. Der Begriff „trans“ ist hier nicht als moderne Identitätskategorie zu verstehen, sondern als ein analytischer Rahmen für die Erfahrung, Geschlechtergrenzen überschreiten zu können.

Mesopotamien: Übergangsfähigkeit und göttliche Macht

Im antiken Mesopotamien war Geschlecht weniger ein biologisches Schicksal als vielmehr Teil einer kosmischen Ordnung. Inanna – später Ischtar – steht im Zentrum dieser Ordnung. Das hervorstechendste Merkmal der Göttin ist ihre Macht, Geschlechter zu verwandeln. In den Texten wird ausdrücklich gesagt, dass Inanna „den Mann in eine Frau, die Frau in einen Mann verwandelt“. Dies ist keine moderne Metapher, sondern eine ontologische Annahme darüber, dass Geschlecht wandelbar ist.

Die im Ischtar-Kult tätigen Figuren assinnu, kurgarrû und kalû sind im modernen Sinne weder Mann noch Frau. Doch diese Uneindeutigkeit führt nicht zu gesellschaftlicher Ausgrenzung. Im Gegenteil: Diese Figuren sind Personen, die mit dem Göttlichen in Kontakt treten können, Rituale leiten, Klagelieder singen und Heilung für die Gemeinschaft hervorbringen. Geschlechtliche Übergängigkeit ist hier kein Problem, sondern die Voraussetzung für den Zugang zum Heiligen.

Dieses kosmologische Verständnis hat im mesopotamischen Raum auch sprachliche Spuren hinterlassen. Der im Kurdischen für intersexuelle und trans Personen verwendete Begriff neremo ist unabhängig von modernen medizinischen Sprachen entstanden. Neremo ist keine Diagnose und kein Etikett, sondern das Gegenstück körperlicher und geschlechtlicher Vielfalt innerhalb der Ordnung der Natur. Solche Benennungen zeigen, dass Geschlecht in dieser Region lange Zeit als fließende und legitime Möglichkeit gedacht wurde.

Nordamerika: Zwei-Geist und das Wissen der Heilung

In indigenen Gemeinschaften Nordamerikas bezeichnet der heute als „Two-Spirit“ übersetzte Begriff weit mehr als eine singuläre Identität. Dieser Ausdruck ist eine moderne Übersetzungsvereinbarung für geschlechtervielfältige Personen, die in verschiedenen Stämmen unterschiedliche Bezeichnungen tragen.

So werden diese Personen in der Navajo-Gesellschaft als Nádleehi, in der Lakota-Gesellschaft als Winkté bezeichnet. Sie stehen nicht nur außerhalb der Geschlechternormen, sondern gelten zugleich als Heilerinnen, Traumdeuterinnen, Ritualleiterinnen und gesellschaftliche Vermittlerinnen. Der Grund dafür ist offensichtlich: Es wird angenommen, dass ein Körper, der zwischen Geschlechtergrenzen wandern kann, auch zwischen Welten wandern kann.

In diesen Gesellschaften ist geschlechtliche Übergängigkeit keine individuelle Entscheidung, sondern wird als spirituelle Fähigkeit verstanden. Koloniale Missionierung und der moderne Staat haben diese Figuren entweder dämonisiert oder vollständig verboten. Dass der Begriff „Two-Spirit“ heute wieder in Umlauf kommt, ist daher nicht nur Identitätspolitik, sondern die Rückrufung eines unterbrochenen Gedächtnisses.

Südamerika: Transformation, Erde und Geist

In vielen indigenen Gesellschaften Südamerikas ist Geschlecht mit dem Land und mit Zyklen verbunden. In einigen Kosmologien der Anden ist Geschlecht ständig in Bewegung zwischen Gegensätzen wie Tag–Nacht, Leben–Tod, Trocken–Feucht.

In diesem Zusammenhang werden geschlechtervielfältige Personen häufig als Figuren gesehen, die für Ausgleich sorgen. Sie spielen eine aktive Rolle in Ritualen, Heilpraktiken und Weissagungsprozessen. Entscheidend ist hier nicht, „was“ eine Person ist, sondern welche Übergänge sie ermöglicht.

Südasien: Die göttliche Ganzheit des Geschlechts

Auf dem indischen Subkontinent ist die Fließfähigkeit des Geschlechts nicht nur gesellschaftlich, sondern unmittelbar göttlich. Die Hijra-Tradition stellt bereits vor dem modernen Staat eine anerkannte Geschlechterkategorie dar. Hijras gelten bei Geburts- und Hochzeitsritualen als Figuren, die Fruchtbarkeit bringen.

Das mythologische Gegenstück dieses Verständnisses manifestiert sich in der Figur Ardhanarishvara: ein göttliches Wesen, dessen Körper zur Hälfte weiblich, zur Hälfte männlich ist. Geschlecht ist hier keine Spaltung, sondern ein Zustand der Einheit. Koloniales Recht und moderne Moral haben diese Tradition in den Bereich von Verbrechen und Pathologie gedrängt. Doch die Existenz der Hijras zeigt, dass Geschlecht in dieser Region lange vor der Moderne als plural und heilig gedacht wurde.

Afrika: Geschlecht, Rolle und Relationalität

In vielen afrikanischen Gesellschaften wird Geschlecht eher über soziale Rollen und Verwandtschaftsbeziehungen als über eine biologische Essenz definiert. Die Arbeiten Oyěwùmís über die Yoruba-Gesellschaft zeigen, dass die Unterscheidung zwischen „Frau“ und „Mann“ im modernen Sinne keine festen Kategorien darstellt.

In manchen Gesellschaften werden geschlechtervielfältige Personen als Träger*innen spirituellen Wissens angesehen. Frauen-Frauen-Ehen oder geschlechtsübergreifende Rollen lassen sich nicht mit modernen Kategorien wie „sexuelle Orientierung“ oder „Identität“ erklären. Hier geht es nicht um Begehren, sondern um die Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung.

Eine gemeinsame Linie: Übergang, Heilung und Zentralität

Zwischen diesen Regionen direkte Ähnlichkeiten zu suchen, kann irreführend sein. Doch es gibt eine starke gemeinsame Linie: In Gesellschaften, in denen Geschlecht als fließend verstanden wird, stehen die Personen, die diese Fließfähigkeit leben, häufig im gesellschaftlichen Zentrum. Sie sind Heilerinnen, Vermittlerinnen, Träger*innen von Ritualen.

Die moderne Welt hat diese Figuren marginalisiert. Doch diese Marginalisierung ist kein historisches Schicksal, sondern das Ergebnis einer kolonialen und modernen Intervention.

Dieser Text endet hier. Aber die Linie endet nicht. Im nächsten Schritt werden wir genauer untersuchen, wie diese fließenden Geschlechterregime durch modernes Recht, Medizin und Staat zerschlagen wurden – und wie das Heilige in Pathologie verwandelt wurde.