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Über Sein, Bewusstsein und Wahrheit

Eine der ältesten Fragen der Menschheitsgeschichte kreist immer wieder um denselben Punkt: Was ist das Sein, und wo stehe ich in diesem Sein? Manche nannten es Gott, manche Göttin; manche das Eine, manche das Absolute. Die Namen änderten sich, die Erzählungen wurden vielfältiger, doch der Ort, auf den verwiesen wurde, fand sich stets in einer ähnlichen Intuition wieder. Ich nenne diesen Ort „Bewusstsein“. Denn für mich ist es keine von außen beobachtende Macht, sondern dasjenige, was aus dem Inneren der gegenwärtigen Erfahrung heraus schaut.

Bewusstsein ist keine Eigenschaft, die nur dem Menschen gehört. Es unterscheidet nicht zwischen belebt und unbelebt. Im Stein erscheint es anders, im Baum anders, im Menschen anders, doch sein Wesen ist unteilbar. Alles geschieht in ihm; nichts ist außerhalb von ihm. Auch das, was wir Seele nennen, fühlt sich deshalb nicht wie ein eigenständiges Wesen an. Die Seele ist die Weise, wie sich das Bewusstsein in einem einzelnen Zentrum erfährt. Wie eine Welle: nicht getrennt vom Meer, aber mit einer eigenen Form.

In diesem Moment wird die Welt durch meine Augen gelebt. Farben, Klänge, Schmerzen und Freuden werden durch diesen Körper hindurch erfahren. Doch hier gibt es eine feine Unterscheidung: Das „Ich“, das diese Erfahrung erlebt, ist nicht das Ich, das ich denke zu sein. Meine Gedanken, meine Persönlichkeit, meine Geschichte sind der Inhalt dieser Erfahrung. Doch es gibt noch ein anderes „Ich“, das sie still bemerkt und beobachtet. Wenn ich mich mit dem Geist identifiziere, übersehe ich es; wenn ich still werde, kann ich es erahnen.

Dieser Blick gehört nicht nur mir. Dasselbe Bewusstsein lebt durch einen anderen Körper ein anderes Leben. Es schaut durch die Augen eines anderen in die Welt, wird in einem anderen Körper geboren, liebt und verliert. Unter diesen scheinbar getrennten Leben liegt derselbe Zustand des Gewahrseins. Dieses vertraute Gefühl, das wir manchmal empfinden, wenn wir einem Menschen in die Augen sehen, kommt vielleicht daher. Das Bewusstsein begegnet sich selbst.

Aus dieser Perspektive wird der Begriff „Ich“ weicher. Das Ich ist kein absolutes Subjekt mehr, sondern ein vorübergehendes Zentrum, auf das sich das Bewusstsein fokussiert. Wenn Bewusstsein dies ist, dann ist auch der Körper ein Werkzeug, durch das es mit der Welt in Kontakt tritt. In diesem Sinne kann der Körper tatsächlich wie eine Art Avatar gedacht werden. Das Bewusstsein erfährt die Welt durch diesen Körper. Doch dieser Vergleich macht das Leben weder zu einem Spiel noch zu einer bedeutungslosen Simulation. Im Gegenteil: Er erhöht die Verantwortung.

Wenn ich das Bewusstsein selbst bin und auch der andere aus demselben Bewusstsein heraus schaut, dann gibt es kein „Anderer“ mehr. Diese Erkenntnis macht den Menschen nicht gleichgültig; sie macht ihn achtsamer. Sie löst Speziesismus und menschliche Überheblichkeit auf. Es wird schwieriger, Tier, Baum oder Stein bloß als „Ding“ zu betrachten. Denn jede Begegnung ist wie eine Berührung mit einem anderen Ausdruck desselben Bewusstseins. Daraus entsteht Mitgefühl; daraus auch Ethik.

An diesem Punkt wird die Frage der Wahrheit besonders sensibel. Solche Einsichten können leicht zu einem Glaubenssystem werden. Doch Wahrheit liebt es nicht, fixiert zu werden. Wahrheit ist kein Satz; sie ist eine Haltung. In dem Moment, in dem man sie sich aneignet, entgleitet sie. Selbst die tiefsten Einsichten können sich mit der Zeit in etwas verwandeln, von dem man sagt: „Das weiß ich.“ Und genau dann verlieren sie ihre Lebendigkeit.

Deshalb ist Wahrheit brennend. Sie beruhigt nicht, sie betäubt nicht. Sie entkleidet den Menschen von seinen gewohnten Identitäten, Sicherheiten und festen Antworten. Sie ist wie die Sonne: Sie erhellt, aber sie blendet auch. Man kann sich abwenden, doch es ist schwer, sie zu leugnen. Wer mit Wahrheit in Berührung kommt, entfernt sich nicht von der Welt; er beginnt, sie unverhüllter zu sehen.

Auch der Tod erhält in diesem Zusammenhang eine andere Bedeutung. Der Körper zerfällt, ja. Der Geist löst sich auf, die Persönlichkeit verschwindet. Doch das sind Inhalte des Bewusstseins. Der Inhalt verändert sich; der Grund bleibt. Wenn das, was wir Tod nennen, geschieht, kehren wir zum Bewusstsein selbst zurück, das durch mich schaut. Wenn gesagt wird, dass wir dorthin zurückkehren, wo wir vor unserer Geburt waren, dann ist damit nicht die Fortsetzung einer persönlichen Erinnerung gemeint, sondern die Kontinuität des Bewusstseins. Wenn wir aus der Nähe der Ungeborenen in diese Welt gekommen sind, kehren wir beim Tod wieder zu den Ungeborenen zurück. Das Bewusstsein tritt durch eine Tür ein und durch eine andere wieder hinaus; doch es selbst geht nicht verloren.

Vielleicht ist letztlich alles ganz einfach: Das Universum schaut in diesem Moment durch dich. Und auch der andere schaut aus demselben Ort. Diese Erkenntnis erhebt den Menschen nicht und löscht ihn auch nicht aus. Sie macht ihn sanfter. Weniger Anspruch, mehr Aufmerksamkeit entsteht. Das Leben wird nicht zu einer heiligen Pflicht, sondern zu einem Feld tiefer Berührung.

Das Bewusstsein, wie immer man es nennt, ist nicht fern. Es ist der Blick selbst, in diesem Moment. Und vielleicht ist die leiseste Wahrheit diese: Wir suchen es nicht. Wir sind in ihm.